Donnerstag, 22. Mai 2025

Kapitel 1. 5 (4)

Am gleichen Tag fand die Feier unten in Køk statt, hier wurde das Festbier getrunken. Drinnen in der Stube war der Tisch mit allen guten Speisen gedeckt, die man hatte auftreiben können, die Witwe des skrivari wußte, daß Ónagerður ein großer Pfarrhof war, und wenn sie Beinta erst einmal dort untergebracht hatte, sprach nichts dagegen, daß sie selbst nachkam. Herr Jónas saß satt und zufrieden da und sprach mit dem Pfarrer von Sandoy, Herrn Klæmint, der im ganzen Land für seinen Geiz und seine Machtgier bekannt war. Er war ein reicher Mann – besaß reichlich Land – und ließ seine Beziehungen so gut spielen, daß er seine Töchter mit reichen Bauern verheiratete und seine Söhne mit reichen Bauerstöchtern. Nun hatte er Herrn Jónas mit einer seiner Töchter verheiraten wollen und sah zähneknirschend zu, daß Beinta ihn sich geangelt hatte – das waren die Schläge, die die Welt einem versetzte und die man mit Geduld ertragen mußte.

Samstag, 17. Mai 2025

Kapitel 1. 5 (3)

„Kann es nicht so sein, wie ich dachte, daß die Färinger schwer zufriedenzustellen sind? Denn sie haben es verursacht, hier bin ich zum Glück außen vor.“
Der Kaufmann antwortete, daß es das Beste für beide Seiten gewesen wäre, wenn die, die für alle entschieden, mehr von den Dingen verstanden hätten, so, wie sie wirklich waren.
Darauf antwortete der Kapitän nicht.
Sie saßen eine Weile schweigend da und rauchten.
„Ach ja“, sagte der Kapitän schließlich, „ich habe hier einen Brief an den Soldaten Óli, bist du so gut und gibst ihn ihm?“
Der Kaufmann nahm den Brief. „Wer kann das sein, der ihm Briefe schreibt“, sinnierte er.
„Ja, das kann ich dir nicht sagen“, sagte der Kapitän, „es war ein junger Mann in königlicher Kleidung, der mich bat, ihn zu überbringen. Er fragte mich nach Nachrichten von den Färöern, unter anderem fragte er nach der Tochter des skrivari.“
„Wer kann das sein“, der Kaufmann saß lange da und dachte nach. Nein, ihm fiel kein Färinger ein, der in königlichen Kleidern herumlief.
Es waren ja gar nicht so wenige Färinger in Kopenhagen, aber die gingen alle auf die Hochschule und studierten Theologie, um Pfarrer zu werden – und er war sicher, daß Óli unter ihnen keinen Bekannten hatte. Der Kaufmann sah sich die Handschrift an. Sie war schön und sah aus wie gedruckt. Es stand fest, daß der, der das geschrieben hatte, schon früher eine Feder in der Hand gehabt hatte.
Der Kaufmann erhob sich. „Ich gehe ein paar Leute besuchen“, sagte er und verabschiedete sich.

Freitag, 16. Mai 2025

Kapitel 1. 5 (2)

Als ein Moment vergangen war, fragte der Kaufmann den Schiffer, ob er nicht einige Vorschriften für den Handel habe.
„Ja, und ob“, antwortete der Kaufmann. „Und ich bin eigens gekommen, um sie dir zu überreichen.“ Er knöpfte seine Jacke auf, zog einen großen Brief mit königlichem Siegel heraus und reichte ihn dem Kaufmann; dieser erbrach das Siegel und fing an zu lesen.
„Hm“, sagte er, „das wird den Leuten hier im Land nicht gefallen.“
„Warum nicht?“ fragte der Schiffer.
„Ja, das sage ich dir“, der Kaufmann legte den Brief beiseite, „hier steht, daß der Preis der Handelsware gestiegen ist, während er für Jacken und pør gesunken ist.“

Sonntag, 11. Mai 2025

Kapitel 1. 5 (1)

Am 15. Mai legte die „Christian Quintus“ in Havnarvágur an. Sie war gekommen heldur i fyrra lag, weil ungewiß war, hvussu árið fór att taka seg upp, es wurde gesagt, daß Krieg und anderes Unheil bevorstünden.
Der Schiffer saß beim Kaufmann und erklärte ihm die Sache.
„Das sind traurige Nachrichten“, sagte der Kaufmann und seufzte schwer. Er wußte wie alle, daß die Färöer abgelegen waren, und daß es nicht leicht war, zu segeln, wenn die Piraten überall lauerten – und jedes Schiff kaperten, das sie kriegen konnten. „Ja, ja“, fuhr er fort, „wir müssen uns unter das Kreuz beugen, auch wenn es schlimm ist, und es mit Geduld tragen.“ Er reichte dem Schiffer die Tabakpfeife und forderte ihn auf, lata sær uppí.
Der Schiffer stopfte eine lange Krautpfeife, die der Kaufmann ihm auch reichte – und beide fingen an zu rauchen.

Samstag, 10. Mai 2025

Kapitel 1. 4 (3)

Sie trat auf, als wäre das Urteil derer, die sie angeklagt hatten, so unwichtig, daß es überhaupt keine Rolle spielte.
Der Tag, an dem die alte Anna mit kaltem Wasser überschüttet wurde, war ovfarakæti (???) für Beinta. Sie stand ganz vorn unter den Zuschauern und freute sich darauf, das Jammern zu hören, doch es war nichts zu hören. Die alte Anna stand schweigend da und nahm ihre Strafe hin. Ab und zu huschte ein spöttisches Lächeln über ihr Gesicht – und als es vorüber war, sagte sie, daß jemand dafür büßen würde. Sie sah Beinta kalt an, als sie das sagte, aber Beinta ließ sich nichts anmerken.
Anna ging wieder nach Hause nach Kák, aber Jógvan saß noch im Gefängnis …
Eines Nachts war Jógvan ausgebrochen. Er hatte sich aus den Fesseln gewunden und den Soldaten Óli gefesselt, der in dieser Nacht im Gefängnis Wache hielt. Ein großes Boot mit Mast und Segel war verschwunden, etwas Essen aus dem Laden des Krämers – und alles Silberzeug der Witwe des skrivari.
Aus alldem schlossen die Leute, daß Jógvan Helfer gehabt hatte – aber wer waren sie?
Óli gab in seiner Aussage zu Protokoll, daß es noch nicht 12 Uhr gewesen sei, als Jógvan ihn gefesselt und auf den Boden gelegt hatte. Wie er es geschafft hatte, die Fesseln loszuwerden, konnte Óli nicht wissen, denn wie er sagte: „Wenn ich einen Verdacht gehabt hätte, säße Jógvan noch hinter Schloß und Riegel.“
Man suchte nicht nach Jógvan. Er war von Norden aus bei frischer Brise losgefahren, also konnte man davon ausgehen, daß er entweder ums Leben gekommen oder in ein Land gelangt war, das der Arm des Königs nicht erreichte.
Die Witwe des skrivari trauerte um all ihre Kostbarkeiten, die sie verloren hatte. Aber die alte Anna auf Kák sagte, das sei kein Grund zum Trauern. Jógvan hatte einst sowohl das Silber als auch sie gehabt, warum sollte er nicht den skrivari beerben?

Sonntag, 4. Mai 2025

Kapitel 1. 4 (2)

Der Verwalter in Norðradalur zeigte Jógvan wegen Schafdiebstahls an und erklärte sich bereit, seine Aussage zu beeiden. Und nun meldeten sich auch einige andere, die sich über dies und jenes zu beklagen hatten. Jógvan stritt alles ab. Man brachte ihn nach Spískastein, aber es half alles nichts. Es endete damit, daß man ihn dazu verurteilte, ausgepeitscht und dann nach Bremerholm geschickt zu werden.
An dem Tag, an dem Jógvan ausgepeitscht wurde, waren alle Bewohner von Havn dabei und sahen zu. Die Schläge hagelten auf seinen nackten Rücken, bis die Haut schließlich in Streifen hing, doch er gab nicht nach, sondern ließ die Schläge stoisch über sich ergehen.
Beinta stand ganz vorn – und sie freute sich bei jedem Schlag. O Gott, wie sehr sie ihm das gönnte – doch es gab einiges, das ihr das Gefühl gab, daß die Schläge gegen sie gerichtet waren – und das wollte sie nicht.
Etwas später bekam Anna ihr Urteil. Ihr konnte man keinen Diebstahl nachweisen, aber sie hatte falsches Zeugnis wider ihren Nächsten abgelegt. Außerdem war sie ein Schandmaul, so daß niemand Ruhe vor ihr hatte. Sie wurde dazu verurteilt, zwölf Eimer kalten Wassers über den nackten Körper geschüttet zu bekommen, damit sie lernte, ihre Zunge zu zügeln und ihre Nachbarn nicht mehr in Verruf zu bringen. Die alte Anna lachte höhnisch, als das Urteil verkündet wurde.

Samstag, 3. Mai 2025

Kapitel 1. 4 (1)

Über mehrere Jahre wurden Leute in Havn bestohlen, einige verloren wenig, andere viel, aber keiner konnte sagen, wer der Dieb war. Die meisten verdächtigten Jógvan, aber niemand konnte etwas beweisen – und so blieb er ungeschoren. Eines Nachts wurde beim Vogt eingebrochen. Es wurde nicht nur Geld gestohlen, sondern auch eine Silbervase. Ein paar Tage später gab es für die Leute Gesprächsstoff. Jógvan und die alte Anna waren beide ins Gefängnis gekommen. Niemand wußte, wer das gemeldet hatte. Einen Tag später ging der Soldat Óla in die Elfenhöhle. Er grub gut und gründlich, fand aber nichts, doch er konnte sagen, daß jemand anders vor ihm dort gewesen war und gegraben hatte. Anna und Jógvan saßen beide lange, aber sie wollten nichts sagen, und nichts konnte bewiesen werden, also mußte der Vogt sie freilassen, doch dann gab es eine Wendung, durch die Vogt anders handeln mußte.

Kapitel 1. 3 (8)

Sie traute sich nicht, auf dem Nachhauseweg am Bootshaus vorbeizugehen. Jógvan konnte noch dort stehen – und sie brachte es nicht fertig, ihn zu sehen. Es brannte in ihr vor Scham und Zorn. Ja, sie würde es ihrer Mutter sagen. Jetzt war der skrivari tot, jetzt konnte Mama ja Jógvan heiraten – sie kannten sich ja und wußten, daß der Brautgesang und die Brautrede nicht immer Hand in Hand gingen. Sie war nach Hause gekommen, ohne es zu wissen – und nun kam ihr der Gedanke, daß sie genausogut in die Elfenhöhle gehen konnte wie nach Hause. Sie konnte ja dort oben sitzen – die ganze Nacht, vielleicht würde es so kommen, daß sie eine Lungenentzündung bekam und starb – das wäre besser gewesen als alles andere.
Sie ging zur Höhle hinunter, blieb jedoch stehen. Sie hörte hier oben Männerstimmen.
„Nun ist es tief – hier ist es wohl versteckt.“
Sie erkannte die Stimme von Jógvan. Dann hörte sie eine andere Stimme, die sie auch zu kennen meinte. Ja, das war sicher die von Anna.
„Nein, du mußt tiefer graben – und es dann wieder zuschaufeln, damit keiner sieht, daß hier gegraben wurde.“
Nun dann – die Elfenhöhle war ein Versteck für Diebesgut. Ja, jetzt verstand sie das Feuer, das Anna gesehen hatte, und den grauen Mann, den Kristjan gesehen hatte. Beinta schlich den Abhang hinauf und sah sich nicht danach um, was hinter ihr geschah.

Freitag, 2. Mai 2025

Kapitel 1. 3 (7)

Sie rannte beinahe zur Tür – und knallte sie hinter sich zu. Sie würde nie wieder einen Fuß in Annas Haus setzen. Es brannte in ihr – ihre Mutter war eine Schlampe gewesen, die sich mit Jógvan eingelassen hatte – und dieser Taugenichts war ihr Vater. O je, o je – ihr war, als müsse sie sich jeden Moment übergeben.

Donnerstag, 1. Mai 2025

Kapitel 1. 3 (6)

Aber dann geschah es, daß Peder Broberg skrivari wurde, er war häßlich und dumm – aber ein skrivari ist etwas Besseres als ein gewöhnlicher Arbeiter, auch wenn dieser klüger und schöner ist als er. Deine Mama war immer ein Drachen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, daß sie die Frau des skrivari werden wollte – und obwohl sie schwanger war und alle wußten – das heißt, alle außer dem skrivari –, wer der Vater des Kindes war, konnte sie ihn anlocken und nötigte ihn, sie zu heiraten. Von dem Tag an wurde Jógvan, der sonst in jeder Hinsicht ein ordentlicher Mann war, zu einem Außenseiter, für den niemand Wertschätzung hegt.“ Die alte Anna lachte spöttisch. „Nun, kleine Beinta“, sagte sie, „ich glaube nicht, daß du heute abend nach Kák gekommen wärst, wenn du geahnt hättest, daß du so eine Geschichte hören würdest.“
Beinta hatte sich erhoben und war leichenblaß. „Wenn ich etwas zu sagen hätte, würdest du morgen zum Scheiterhaufen geführt werden“, sagte sie.

Kapitel 1. 6 (2)

Der løgmaður und der Vogt kamen Seite an Seite hinunter in den Parlamentssaal – etwas später kamen die løgrættumenn – und die Pfarrer; die ...